Der Wert der Schönheit

Während des Mittsommergartens in Bredevoort wurde am 22. Juni erstmalig der Euroregiopreis für das schönste Gedicht vergeben. Teilnahmebedingungen: Mindestalter von 18 Jahren und Gedichte in deutscher oder niederländischer Mundart. Unter Hunderten von Teilnehmern ging schließlich Dick Van Welzen als Sieger hervor. Er erzählte uns, wie und warum Poesie zur Leidenschaft wurde. Sein Liebes-gedicht war das Schönste: Poesie zum Träumen …

Wer

_DSC2494„Ich bin nur ein Amateur mit Ehrgeiz und ein Spätzünder. Obgleich ich die Poesie schon immer liebte. Ich liebe schöne Umschreibungen und Redewendungen. Beim Schreiben meiner Gedichte werden Stift und Geist geschärft. Ich male auch. Dabei inspirieren mich vor allem die Werke des englischen Landschaftsmalers William Turner. Dort sind die Horizonte oft nicht erkennbar. Der Betrachter wird animiert, aus unterschiedlichen Perspektiven das Bild zu erkunden. Ich liebe das Geheimnis der Schnittstelle zwischen abstrakt und figurativ. Das versuche ich, in meinen Gedichten durch Mehrdeutigkeit zu erreichen. Durch Mehrdeutigkeit die Phantasie des Lesers anregen, ihn selbst das Gedicht schreiben lassen”.

Was

„Ich verstehe die Poesie als Ergänzung von Wissenschaft und Philosophie. Wir leben in einer Wissensgesellschaft, sollten aber unsere rationale Intelligenz nicht überschätzen. Man sah es schon bei den griechischen und römischen Philosophen wie Lucretius und anderen. Sie schrieben über Natur und Atomtheorie in einem wissenschaftlichen Ansatz. Gleichzeitig stellten sie Anforderungen an Sprache und Lyrik, um Natur, Mensch und Kosmos zu verstehen. Ich glaube auch an dieses Zusammenspiel, diese Einheit. So scheinen die Kompositionen von Bach auf mathematischen Formeln zu basieren. Jeder Mensch versucht es auf seine eigene Weise.”

Warum

_DSC2470„Ich nahm am Wettbewerb teil, um mich als Dichter stimulieren zu lassen und weil ich eine Affinität zur deutschen Sprache und Kultur habe. Wir haben ein Haus in Deutsch-land. Als ich Präsident einer Hochschule war, nahm der Anteil deutscher Studenten stetig zu. Der Anteil niederländischer Studenten in deutscher Sprache hier ist viel kleiner als der der deutschen Studenten in Niederländisch dort. Das ist eine Verarmung der Kultur, und für die Niederlande als Handelsnation wirtschaftlich nicht sehr klug. Ist es nicht seltsam, dass unlängst der Gewinner der ersten Etappe der Tour, der deutsche Kittel, nach seinem Sieg in englischer Sprache interviewt wurde … Deutschland ist ein Riese in der europäischen Kultur. Man denke nur an Goethe und viele andere. Sicherlich sind deutsche Literatur und Poesie recht unbekannt in den Niederlanden. Niederländer haben sich nach 1945 völlig auf Kapitalverkehr und angelsächsische Kultur – mit Amerika als Vorbild – fokussiert. Allmählich besinnen wir uns zur Umkehr. Das sieht man z.B. im Bildungswesen. In Deutschland werden zukünftige Fachkräfte gemäß der Zunftordnung ausgebildet. Unternehmen haben eine viel bedeutendere Rolle in der Ausbildung junger Menschen und fühlen sich verantwortlich. Der Ausbildungsbetrieb befestigt das „Messingschild” an der Wand, als Zeichen gesellschaftlicher Anerkennung und guter Werbung mit Außenwirkung.”

Kunst

„Als Soziologe erkannte ich in meiner Arbeit als Berater, dass Organisationsent-wicklung nicht nur eine rationale Wissenschaft ist und eine Organisation keine flache Bündelung von Ressourcen. Kulturelle Werte und Vorstellungen sind wichtig, um Menschen zu ermutigen, an ihre Phantasie zu appellieren. Bei Spaziergängen mit Managern, in der Natur, diskutierte ich mit ihnen den Wert von „Schönheit“, und welche Rolle sie bei der Ausübung ihrer leitenden Tätigkeit spielen könnte. Sicherlich war es nicht zwingend nötig, für die Verbrennungsanlage in Twente ein schönes Gebäude zu errichten, aber es geschah. Kunst ist wichtig. Wie mühsam es auch sein mag, die Mechanismen, die dabei eine Rolle spielen, zu entlarven. “

Motivation

„Als alternder Mensch beschäftigt man sich zunehmend mit essentiellen Fragen. Poesie gibt mir eine Ausdrucksweise, um mich mit Emotionen und deren Sinn zu beschäftigen. Philosophie und Wissenschaft gaben mir zu wenig Antworten.”_DSC2479

 

Autor: Patricia Lindeman

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