Höflichkeit

Wir betreten eine gemütliche holländische Kneipe und meine deutsche Freundin steuert sogleich den Tresen an:

Genieten-van-bier?”Ich bekomme ein Bier!”, ruft sie. Sie hebt den Zeigefinger, um anzudeuten, dass sie und nicht etwa die Person neben ihr die Bestellung aufgibt. Ihr Kommandoton und der autoritäre Fingerzeig lassen den niederländischen Barmann zusammenzucken. Er dreht sich betont langsam um. Man sieht ihn förmlich denken:“Du meinst, dass du ein Bier bekommst? Das werden wir noch sehen!” Meine Freundin wundert sich: „Was hat er denn? Hab’ ich was Falsches gesagt?”

Ich kläre sie auf, dass ihre Bestellung für holländische Ohren unangenehm AUTORITÄR, vielleicht sogar UNVERSCHÄMT klingt. Da meint sie: “So habe ich das gar nicht gemeint. In Deutschland ist das doch ganz normal!“
Recht hat sie! In Deutschland greift man der Frage nach dem Bestellwunsch mit der ANTWORT vor. Ein klarer Fall von Fettnäpfchen.

Da meine Freundin den Ehrgeiz hat, es alleine zu schaffen, flüstere ich ihr zu, was sie sagen soll – mein Durst bringt mich inzwischen fast um. Mit der in Holland üblichen, zurückhaltenden Formulierung “Mag ik een biertje, alstublieft?” würde sich ein Deutscher wahrscheinlich unbedeutend und klein, ja wie ein Bittsteller vorkommen, aber es funktioniert! Ein paar Atemzüge später landet –ruckzuck – ein kühles Blondes vor ihr auf der Theke. Geht doch! Blöderweise habe ich vergessen zu sagen, dass sie ZWEI Bier bestellen soll.Genieten-van-bier-en-hoffelijkheid

Als ich mir die Sache mit der Höflichkeit später noch einmal durch den Kopf geht, fällt mir auf, dass “alstublieft” wortwörtlich übersetzt, “wenn es Euch beliebt” ergibt, eine durchaus übliche Formulierung. Aus heutiger Perspektive finde ich soviel Untertänigkeit aber ein wenig übertrieben für das (vergleichsweise) kleine Bier-tje, das am Ende herausspringt.
Will man die heute eher pragmatische deutsche Sichtweise beschreiben, braucht man ein bekanntes Sprichwort eigentlich nur ein wenig abzuwandeln: „Höflichkeit ist eine Zier … doch SCHNELLER geht es ohne ihr.“

Prost!
Proost

Autor: Patricia Lindeman

Teilen Sie diesen Post
468 ad

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>