Ur-Ruf im 21. Jahrhundert

Ins Mid(de)winterhorn wird geblasen wenn die Tage kürzer werden – wenn die Menschen früher Angst davor hatten, dass sich das Licht zurückzieht und nicht mehr wiederkehrt. Mit dem Hornblasen, einem uralten Brauch, wollte man das Licht zurückholen und die bösen Geister verjagen.

Geschichte

Der Brauch soll von den Germanischen Julfesten abstammen, die von den „alten Germanen“ immer zur Wintersonnenwende am 21. Dezember abgehalten wurden. Ungefähr zur selben Zeit scheint der Vorläufer des Midwinterhorns – das Ochsenhorn – dazu gedient haben den Gott Odin oder Wodan bei seiner Jagd auf den Wolf Fenrir zu unterstützen. Der wollte die Sonne verschlingen, was ewige Dunkelheit zur Folge hätte. Gelänge es Wodan hingegen, Fenrir zu verjagen, so würde das Licht zurückkehren. Das Wort “Jul” taucht in allen germanischen und skandinavischen Ländern und Sprachen auf (als deutsches “gelb”, norwegisches und dänisches “gul” oder als niederländisches “geel”) aber auch in nicht-germanischen Sprachen: im Englischen als “yellow” und natürlich als “Joel”. “Gelb” oder “gel” verweisen auf die wieder länger scheinende Sonne. Die Verknüpfung kommt höchstwahrscheinlich durch die gelb-reflektierenden Sonnenstrahlen im weißen Schnee zustande. Die Kirche verlieh diesem Wort eine eigene Bedeutung: “Die Ankündigung der Geburt Jesu.” Das Midwinterhornblasen ist also zu verstehen als eine Botschaft des “Lichts”. Auf sehr frühen Zeichnungen (850 n. Chr.) und auf spätmittelalterlichen Gemälden sind Hornbläser abgebildet. Das Horn wurde zunächst aus Tierhorn gefertigt, später auch aus Holz oder Metall. Man verwendete es seit Menschengedenken zur Übermittlung von Signalen und Botschaften. Ochsenhorn und Midwinterhorn setzte man überwiegend als Kommunikationsmittel ein. In Drenthe kennt man noch das Bauernhorn. Damit wurden benachbarte Bauern u.a. bei einem Notfall herbeigerufen. Aber auch Schmugglern im Grenzgebiet setzten das Midwinterhorn gerne ein – um ihre Komplizen vor der Polizei zu warnen.

Das Instrument

Ein Midwinterhorn wird aus einem leicht gebogenen Baumstamm (Birke, Erle oder Weide) hergestellt. Man befreit den Stamm vom Bast, sägt ihn anschließend der Länge nach durch und höhlt die beiden Hälfen aus. Anschließend leimt man sie wieder zusammen. Zum Schluss setzt man das meist schräg angeschnittene Mundstück ein. Es ist aus Holunder oder einem anderen Holz, dessen Kern sich einfach entfernen lässt. Dem so entstandenen Horn entlockt man Töne, indem man – in der Regel seitlich – ins Mundstück bläst.Auf dem Midwinterhorn lassen sich bis zu acht verschiedene Töne erzeugen – je nach Geschick des Bläsers. Meist wird eine einfache Melodie gespielt. Midwinterhörner bläst man nicht zusammen, da jedes Horn anders klingt und keine Harmonien zustande kommen.

Die Tradition lebt wieder auf

2013 wurde das Mitwinterhornblasen vom Niederländischen Centrum für Volkskultur ins nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Von der Unesco wird es seitdem als lebendige kulturelle Ausdrucksform und Tradition anerkannt, die von Generation an Generation weitergegeben werden soll und es verdient, erhalten werden. Gegenwärtig gibt es wieder mehrere hundert aktive Hornbläser – besonders im Grenzgebiet zwischen Deutschland und den Niederlanden in den Regionen Overijssel, Gelderland, Kreis Borken und Grafschaft Bentbeim. Ins Horn geblasen wird vom ersten Advent bis zum Tag der Heiligen Drei Könige am 6. Januar. Zusätzlich werden Demonstrationen abgehalten und sind Hornbläser auf ausgewählten Wandertouren am Wegesrand stehend anzutreffen. Der Klang des Horns ist weithin zu hören – bei Kältegraden gar kilometerweit – und in den Wäldern klingt das Echo noch nach. Abends, kurz vor Einbruch der Dunkelheit wird darum besonders gern ins Horn geblasen. Wer ihn einmal gehört hat, der vergisst ihn nie: den vollen, eindrucksvollen Ton. Das Blasen des Horns … die Beschwörung des Lichts … das Zurückdrängen der Finsternis … die Ankündigung des Jesuskinds … all das gehört zu einer Tradition, die keinesfalls aussterben sollte. Jeder kann diesen Ur-Ton erzeugen und – quasi als neuzeitlicher “Midwinter DJ” – seinen eigenen Ruf in die Natur entsenden.

Zusammenstellung Cora Blom; mit Dank an Ron Eerdhuijsen

Autor: Teersa van Wezel

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